Bergbau - Hermine Henriette II

Erste Abbauversuche der die Stadt Halle umgebenden

Braunkohlenvorkommen lassen sich bis ins 17. Jahrhundert

zurückverfolgen. Die Lagerstätten reichten bis in das

heutige Stadtgebiet hinein, besaßen eine relativ geringe

Mächtigkeit, großflächige Verbreitung und flache Lagerung.

Zunächst wurde die Braunkohle in kleinen Gruben im

Tagebau gewonnen. Tiefer liegende Schichten baute man

später unter Tage ab. Fortschritte in den Entwässerungsund

Abbautechnologien ermöglichten schließlich die

Gewinnung in großflächigen Tagebauen.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts stieg die Förderung im Revier

stark an. Salinen, Ziegeleien, Brennereien und Privathaushalte

benötigten immer größere Mengen an Brennstoffen.

Allein zwischen 1840 und 1876 entstanden im Raum Halle 13 Zuckerfabriken. Braunkohle war preisgünstig, reichlich vorhanden und seit dem „Churfürstlich Sächsischen Mandat“ von 1743 in Kursachsen in der Verfügungsgewalt der Grundbesitzer – ein Umstand, der die private Förderung der Kohle vorantrieb. Anders im benachbarten Preußen: Hier gehörte die Braunkohle zu den königlichen

„Regalien“, deren Erschließung und Förderung staatliches Privileg war. Währenddessen verkauften die sächsischen

Privatgruben ihre Braunkohle auf dem Halleschen Markt. Um 1830 nahm die Grube Alwine in Bruckdorf ihren

Betrieb auf. Zu dieser Zeit erhielten private Kohlengruben vom Bergamt nur eine Nummer. Betrieben wurden sie als

Einzelunternehmen vom jeweiligen Grundeigentümer. Ab 1840 ermöglichten neue rechtliche Rahmenbedingungen

im Bergbau Zusammenschlüsse von Privatgruben. 1857 erfolgte der Aufschluss der Tiefbaugrube Theodor durch

die Sächsisch-Thüringische AG, die 1859 nach dem Zusammenschluss mit anderen Gruben als „Konsolidation Von

der Heydt“ zur größten Braunkohlengrube im Stadtgebiet von Halle wurde. Es bildeten sich größere finanzkräftigere

Unternehmen, wie z. B. 1855 die Gewerkschaft Bruckdorf-Nietlebener Bergbau-Verein oder die bereits erwähnte

Das im Raum Halle gelegene Abbaugebiet, das nahe Ammendorf seinen Ursprung hatte, ist Teil des Mitteldeutschen

Reviers. Der Braunkohlenbergbau war über lange Zeit einer der wichtigsten Wirtschaftszweige für

Halle und sein Umland. konsolidierte Grube Von der Heydt. Durch die Fusion der Sächsisch-Thüringischen AG für Braunkohlenverwertung mit der Grube Von der Heydt, der Zeitzer Paraffin- und Solarölfabrik,

den Gruben Hermine-Henriette I und II sowie der Riebeck’schen Montanwerke AG im Jahr 1911 wurde letztere

zum größten Bergbauunternehmen in Mitteldeutschland. Mit dem technologischen Zusammenfahren der Gruben

Von der Heydt und Hermine-Henriette I entstand ab 1925 der Großtagebau Von der Heydt – nach 1945 umbenannt in

Bruckdorf – mit 1,5 Kilometer langen Baggerstrossen. 1927 ging hier die erste und einzige Abraumförderbrücke des

Reviers in Betrieb. 1911 schloss man nahe Döllnitz auf dem Gebiet des späteren

Tagebaus Lochau den Tagebau Hermine-Henriette II auf. Abgebaut wurde das Flöz Bruckdorf, dessen Mächtigkeit hier

zwischen 10 und 13 Metern lag. Während der gleichnamige Tiefbau aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit bereits 1925

den Betrieb einstellte, wurde der Tagebau ab den 1930er Jahren deutlich ausgeweitet. Er schwenkte zunächst von

Süden entgegen dem Uhrzeigersinn. Die Förderung erfolgte im Zugbetrieb. Ab 1947 wurden die Gruben auf dem Territorium

der Sowjetischen Besatzungsmacht in Volkseigentum überführt, so auch die Tagebaue Von der Heydt, Bruckdorf

und Lochau. Während die Förderung in den Bruckdorfer Tagebauen 1958 endete, da die Kohlenvorräte erschöpft oder

die Gruben unrentabel geworden waren, lief die Gewinnung im Tagebau Lochau weiter. Der Großtagebau war über eine

Kohlenverbindungsbahn mit den Chemiestandorten Leuna und Buna verbunden. Im Zuge energiepolitischer Fehlentscheidungen

der DDR, die bald darauf die Kohlenkrise auslösten, kam es 1967 zur Einstellung der Abraumbewegung.

Im Zuge der Kombinatsbildung ordnete man den Tagebau 1968 dem VEB Braunkohlenkombinat Geiseltal zu. Die freigelegte

Kohle wurde noch bis 1973 abgebaut.

Die Tagebaue der Grube Hermine-Henriette, später Lochau,
reichten 1940 bis an den Ortsrand von Lochau heran,
verschonten die Ortslage selbst jedoch. Durch den Abbau
wurde eine Fläche von 850 Hektar beansprucht. Der Tagebau
Merseburg-Ost überbaggerte rund 1.350 Hektar, davon
ca. 80 Prozent Landwirtschaftsfläche. Es kam nicht zu
kompletten Ortsabbrüchen, aber zur Umsiedlung von drei
Splittersiedlungen der Gemeinde Raßnitz im Jahr 1977, von
der ca. 50 Einwohner betroffen waren. Weiterhin mussten
mehrere Stallanlagen dem Tagebau weichen, und die
Verbindungsstraße zwischen Wallendorf und Burgliebenau
wurde unterbrochen.
Die Beanspruchung großer Teile der Elster-Luppe-Aue stellte
jedoch den größten Eingriff in Natur und Landschaft dar.
Im Verlauf von Weißer Elster und Luppe zwischen Leipzig
und Halle hatte sich zwischen den beiden Flüssen durch
Überschwemmungen, die in dieser Region ein natürlicher
Prozess der Jahreszeiten waren, ein großes Auwaldgebiet
gebildet. Der Wasserhaushalt der Aue war bereits in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrfach empfindlich
gestört worden. Umfangreiche Kanalisierungen und der Bau des Elster-Hochflutbettes zwischen 1934 und
1938 führten zu einer Austrocknung des Gebietes. Umden Braunkohlenbergbau zu ermöglichen, musste das
Verlorene Orte Grundwasser großflächig abgesenkt und Oberflächenwasser ab- bzw. umgeleitet werden. Man entschied sich
schließlich für die Verlegung der Flüsse in neue, künstlich geschaffene Gewässerbetten. Von 1959 bis 1968 wurde
die Weiße Elster begradigt und kanalisiert, um das Abbaufeld für den Tagebau Merseburg-Ost freizumachen. Allein
zwischen Schkeuditz und der Mündung der Elster in die Saale gingen auf einer Entfernung von rund 19 Kilometern
Luftlinie etwa sechs Kilometer Flusslauf der Weißen Elster verloren. Darüber hinaus war die Elster durch die Einleitung
von Abwässern aus Bergbau, Industrie und Anrainergemeinden in den 1980er Jahren stark verunreinigt.
Im Gegensatz dazu hielt sich der Eingriff in Lauf und Ökologie der Luppe in Grenzen. Allerdings büßte sie einen
Großteil ihrer Wasserführung durch die jahrelange Absenkung des Grundwasserspiegels ein, die gleichzeitig die
Auenwaldbestände schädigte. Ausgetrocknete Bereiche aber auch durch den Bergbau entstandene Kippenflächen
wurden nun intensiv ackerbaulich genutzt, sodass das historische Landschaftsbild großflächig verloren ging.
Der Tagebau Merseburg-Ost sollte ursprünglich bis zur heutigen Autobahn 9 vorangetrieben werden, doch durch
die Einstellung der Förderung im Jahr 1991 entging der Auwald zwischen Zöschen und Horburg der Überbaggerung.


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